Mittwoch, 7. März 2018

Rezension zu "Dukes of the Orient" - Das musikalische Erbe der Melod-Rock-Band "Asia", Teil 2



Nach ausführlichen Betrachtungen zum Werdegang der Band "Asia", wollen wir uns jetzt  einmal die neun Songs auf „Dukes of the Orient“ genauer betrachten (wobei der neunte Titel nur auf der japanischen Importversion zu finden ist): „Brother in Arms“ startet mit druckvollem Midtempo, einschmeichelnden Keyboardklängen und kräftigem Schlagzeug und einem stimmlich dezent an John Wetton erinnernden Payne am Mikro. Der Text behandelt – wie man das von Asia gewohnt ist – den Unsinn des Krieges, könnte aber auch ein Seitenhieb an Paynes vormaligen Wegstreiter Geoff Downes sein. Ein toller, vielleicht nicht unbedingt herausragender Beginn für das Kommende. Interessanterweise erinnern auch das Intro und der erste Vers an die Asia der Wetton-Ära.
   „Strange Days“, die erste Single von „Dukes“, treibt ebenfalls in mittlerem Tempo voran, entwickelt dank eines bombastischen Ansatzes mit vielen Keyboardflächen einen epischen Charakter, der an die musikalische Richtung der Alben seit 2001 wie „Aura“, „Silent Nation“ oder „Window to the Soul“ anknüpft. Umso trefflicher fügt sich Guthrie Govans Gitarrensolo ein, der auf diesen Alben ebenfalls zum Stammpersonal gehörte. Das vorhergehende Moog-Solo zeigt Erik Norlander, wie man ihn eher von seinen Arbeiten für die Rocket Scientists oder als Solokünstler kennt, obwohl er überraschenderweise oft Downes´ Spiel nachahmt.   
   Dies ist auf „Amor Vincit Omnia“, der einzigen Ballade des Albums, sehr offensichtlich. Abgesehen von einem instrumentalen Teil mit Gruselfaktor gegen Ende des Stückes, könnte  der Song genauso gut auf einem der letzten Alben mit Wetton zu finden sein (gemeint sind hier besonders „Gravitas“ (2014) oder „XXX“ (2012). Sogar der lateinische Titel (dt. „Liebe besiegt alles“; korrekt müsste der auf Vergil zurückgehende Wahlspruch der Minnesänger „omnia vincit amor“ heißen) ist Kennzeichen auf allen neueren Asia-Alben der Wetton-Ära von 2008 bis 2014, den Wetton/Downes: Icon-Projekten und Wettons Soloveröffentlichungen. Songwriting und Text sind hier durchschnittlich, aber die großen Keyboards und das starke Arrangement verhelfen der Ballade zu majestätischer Opulenz.
   Mal von der Stimme abgesehen, ist „Time waits for no one“ wahrscheinlich der am meisten nach Wetton-Asia klingende Titel. Er ist schnell, eingängig und treibend. Statt Hard & Heavy- mäßig die Muskeln spielen zu lassen, verneigen sich die Gitarren vor der verschnörkelten Kunst eines Steve Howe. Vermutlich der beste Titel auf dem Album, zumindest unter den kürzeren. „A sorrow´s crown“ überrollt den Hörer zunächst mit einer mächtigen Kirchenorgel, bevor es dann mit einem schnelleren Arena-Rock weitergeht. Hier merkt man die volle 80er-Schlagseite – auch Sylvester „Rocky“ Stallone könnte dazu filmreif joggen. Der Refrain ist groß und eingängig, der Mittelteil bringt die so typischen Synthiefanfaren. Der historisch angehauchte Text endet im Fade-Out mit gesprochenen Worten Paynes, der zuletzt seine ganze Wut hinausschreit: „America, Americana. All is lost, God forgive me“. Hier taucht also das lange als (Arbeits)Titel geführte „Americana“ auf.  
   „Fourth of July“, der zweitlängste Song, führt wieder den von den letzten Payne-Alben bekannten Sound fort, aber erneuert diesen mit einem an die späten 70er bzw. frühen 80er gemahnenden Streicherarrangement, das so unerhört ist in der Geschichte von Asia. Die so typische Anti-Kriegs-Thematik kommt recht melancholisch daher; ein längeres, an das „Arena“-Album erinnerndes Outro mit Akustikgitarre beschließt das Miniepos. Die zweite Single „Seasons will change“ ist für Fans vermutlich der langweiligste Song, immerhin wurde er bereits 2012 unter dem Künstlernamen „Asia Featuring John Payne“ als Vorbote des „Americana“-Albums veröffentlicht und somit von vielen schon endlose Male gehört. Trotzdem ist es ein Hit, der von mittlerem bis zu schnellem Tempo, kräftiger Ausführung und hymnischem Charakter alles aufbietet, was man am Melodic Rock dieser Band lieben kann und eine logische Weiterentwicklung des vom „Window to the Soul“ bekannten Materials.  Hier wird noch einmal richtig schön nach Vorne gerockt, bevor das Album mit „Give Another Reason“ auf eine recht progressive Weise endet. Es beginnt mit einem dreiminütigen instrumentalen Vorspiel – man beachte die spanische Gitarre – und endet mit einem im dezent treibendem Midtempo gehaltenen Song epischen Ausmaßes (10 Minuten!), das durchaus an Spock´s Beard oder sanftere Dream Theater erinnert. „The Rebel“ ist eine kurze, akustisch gehaltene Ballade: Nur Payne wird von Piano, Cello und Flöte begleitet. Dieses seltsame Stück sprengt wohl den Rahmen des von Asia Gewohnten und man kann sicherlich darüber diskutieren, ob es ein passendes Ende für das Album ist. Ich halte es für gut, aber nicht großartig und als Bonustitel ist es sicherlich am rechten Platz – falls man sich die Mehrkosten für die japanische Importausgabe leisten möchte.
Neben Norlander und Payne, der gelegentlich auch an der Gitarre zu hören ist, treten als Gäste alle Musiker auf, die man schon von den diversen Besetzungen der „Asia Featuring John Payne“ kennt: Bruce Bouillet (Racer X, The Scream), Guthrie Govan (Asia, Steven Wilson Band, The Aristocrats), Jeff Kollman (Glenn Hughes,  Michael Schenker Group) und Moni Scaria (Joey Vera, WWIII) an der Gitarre, ausschließlich Jay Schellen (World Trade, Asia, Yes) am Schlagzeug. Der Klang ist sehr dynamisch und differenziert, sprichwörtlich kristallklar und doch druckvoll – geschuldet einer liebevollen Produktion John Paynes, der das Album deswegen sogar analog abgemischt hat. Der scheinbar schwerhörige, aber hoch gelobte Rick Rubin sollte sich davon mal ein Stückchen abschneiden, er selbst findet es ja schick, Musik so lange zu komprimieren, bis sie unhörbar (laut) geworden ist. 
   Das Booklet ist überschaubar, bietet jedoch alle wichtigen Infos und Fotos sowie  zusammen mit dem Inlay an Steampunk verweisende Illustrationen, die gut zu den Fotos vor einer historischen Eisenbahn passen. Das in Gelb, Beige und Brauntönen gehaltene Coverartwork von Rodney Matthews, der schon früher für Asia gearbeitet hatte (u. a. „Aqua“ und die beiden „Archiva“-Kollektionen) ist als Referenz an seine ähnlich gefärbte Illustration zu „Arena“ (1996) zu betrachten. Sie zeigt nämlich den geflügelten, diesmal feuerspeienden Löwen, und die Kobra, die hier jeweils gedoppelt und nebeneinander sitzend auftreten. Gemeinsam symbolisieren sie also die „Herzöge des Orients“, dies auch durch das Schwert unterstrichen, das der gelbe und der violette Löwe gemeinsam halten.
   Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Politik und Krieg anprangernde, die von John Payne favorisierten historischen Verschwörungsstoffe à la Dan Brown einwebende „Dukes of the Orient“ den zuletzt auf „Silent Nation“ und „Windows to the Soul“ gehörten Weg weiter beschreitet, aber genauso der eigenen Vergangenheit mit Wetton, Downes, Howe und Palmer Tribut zollt, was dem Ganzen einen frischen Anstrich verpasst, zumindest wenn man auf diese Art zeitlosen Stadion-Rock der 80er und 90er steht. Aber „Asia“ waren ja auch noch nie einer dieser typischen, gefühlt massenhaft auftretenden Klone von einschlägigen Bands wie Foreigner, Journey oder Night Ranger, dagegen sprechen allein schon die majestätischen, verspielten Keyboard- und Synthieklänge. Glücklicherweise finden sich auf dem Album wieder vermehrt die so geschätzten instrumentalen Klanglandschaften, die auf den letzten beiden Alben mit Wetton deutlich reduziert worden waren. „Dukes of the Orient“ ist ein sehr starkes, teilweise episches Album, auch wenn es letztlich nicht am Sockel kratzt, auf dem sich das unter Fans legendäre und als geradezu göttlich anerkannte Monument der Payne-Ära, „Aura“ (2001), befindet.   
   Dagegen sprechen zwei Gründe: Erstens ist es etwas zu kurz geraten, zumindest fühlt es sich wenigstens so an, da es einerseits sehr kurzweilig ist, andererseits aber auch das Stück „Seasons Will Change“ schon so lange vorab bekannt war. Auch hätte man sich nach 11 Jahren des Wartens vielleicht etwas mehr Material erhofft. Was für ein wunderliches Ding die menschliche Wahrnehmung doch ist!
   Zweitens reicht dann doch keiner der Songs an den Übersong „Free“ vom „Aura“-Album heran. Der ist mit 8 Minuten und 51 Sekunden zwar über eine Minute kürzer als „Give Another Reason“, vermittelt dafür aber nahezu perfekt das Lebensgefühl seines Titels, da er quasi wie die Musik gewordene Version des Films „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ (2009) klingt: bombastisch, majestätisch, episch, mit Tempowechseln von langsam zu schnell, einem basslastigen, dröhnenden Outro voller Grandezza und eben fantastischen Soundscapes, die geradezu an die schwebenden Inseln Pandoras erinnern, die Filmemacher James Cameron ja bei Asias Hauscoverkünstler Roger Dean“ „entlehnt“ haben soll (es gab tatsächlich einen Rechtsstreit). Außerdem wurde „Free“ von einer so selten vorkommenden Besetzung eingespielt: John Payne (Gesang/Bass), Geoff Downes (Keyboards), Simon Philips (Schlagzeug; Toto, Mike Oldfield, Gary Moore) und den drei Gitarristen Steven Howe (Yes, Asia, GTR), Ian Crichton (Saga, Asia) und Pat Thrall (Pat Travers, Asia, Meat Loaf)!
Wie dem auch sei, die Welt hat mit „Dukes of the Orient“ das erste Album eines Asia-Line-ups seit vier Jahren und das sollte gefeiert werden, ganz egal welche Bedeutung man dem Studiowerk nun im Kontext seiner Vorgänger beimessen mag. Denn besseren Melodic Rock wird man heutzutage kaum finden.  

Donnerstag, 1. März 2018

Wer sind die „Dukes of the Orient“? Das musikalische Erbe der Melodic-Rock-Band „Asia“, Teil 1



Wer sind die „Dukes of the Orient“? Das musikalische Erbe der Melodic-Rock-Band „Asia“

„Dukes of the Orient“, also zu Deutsch „Herzöge des Orients“, nennt sich eine der vielen musikalischen Neuerscheinungen, die das für Melodic Rock bekannte italienische Label Frontiers am 23. Februar auf CD und Vinyl in die Läden gebracht hat. Ein Name, der für die meisten Hörer unbeschrieben wie ein leeres Blatt sein dürfte, hinter dem sich aber dennoch eine der bekanntesten Institutionen dieses Genres verbirgt. Die Etymologie hilft weiter: Das aus dem Lateinischen stammende Lehnwort „Orient“ kann „Osten“ oder „Morgenland“ bedeuten. „Osten“ heißt aber auch das assyrische „Assu“ (kann auch „Sonnenaufgang“ bedeuten), das in der römischen Antike zu „Asia“ wurde und unter diesem Namen eine römische Provinz in Kleinasien bezeichnete. Bekanntermaßen trägt heute ein ganzer Kontinent diesen Namen. „Dukes of the Orient“ könnte also auch mit „Herzöge des Ostens“ oder „Herzöge Asiens“ übersetzt werden und letztere Übertragung ist schließlich die wegweisende.
   Die schlicht „Dukes of the Orient“ betitelte CD – Interpreten- und Albenname müssen als identisch angenommen werden – steht in direkter Nachfolge zur legendären, 1981 gegründeten Band „Asia“, die 1982 mit ihrem schlicht „Asia“ betitelten Debütalbum auf Basis von Radio- und MTV-Hits wie „Heat of the Moment“ (Platz 4 der US-Singles 1982), „Only Time Will Tell“ (Platz 17 der US-Singles 1982) oder „Sole Survivor“ das meistverkaufte Album der US-amerikanischen Albumcharts veröffentlicht hatten: ab März stand die Schallplatte neun Wochen lang auf Platz 1 und verkaufte bis heute etwa 10 Millionen Tonträger. Zur Gründungsbesetzung dieser „Supergroup“ gehörten John Wetton (Bass/Gesang), Geoff Downes (Keyboards/Gesang), Steve Howe (Gitarre/Gesang) und Carl Palmer (Schlagzeug/Perkussion). „Supergroup“ deswegen, weil alle vier Musiker in den 1970ern in schon damals, heute aber erst recht, legendären Bands des Progressive Rocks gespielt hatten: Wetton u. a. King Crimson, Uriah Heep, Roxy Music, UK und Wishbone Ash, Howe und Downes in Yes, (letzterer auch in der Avantgarde-Pop-Band The Buggles), Palmer in Atomic Rooster und Emerson, Lake & Palmer. „Asia“ machten jedoch einen stadiontauglichen Melodic Rock amerikanischen Formats (AOR) mit deutlichen Anleihen bei den jeweiligen Herkunftsbands und mit einer ordentlichen Prise Pop garniert. Der Erfolg hielt jedoch nicht an, die Gründungsbesetzung überlebte nur das zweite Album „Alpha“ (1983), denn „Astra“ (1985) wurde bereits ohne Steve Howe eingespielt und wurde noch nicht einmal betourt. Auch Wetton verließ darauf die Band, kehrte jedoch 1989 zurück. Bis 1991 tourte „Asia“ in teilweise unterschiedlichen Besetzungen und versuchten mit dem Albumzwitter „Then & Now“ (1990, zur Hälfte Hits, zur Hälfte neue Studioaufnahmen) ein Revival. Nach ausbleibendem Erfolg ging Wetton  jedoch abermals und Keyboarder Downes blieb als alleiniger Motor der Band zurück.
   1991 holte Downes für die Arbeit an „Aqua“ (1992) den ihm bereits seit den 80ern bekannten Bassisten und Sänger John Payne (u. a. Roger Daltrey, CCCP), der fortan für 15 Jahre Wettons Position übernehmen sollte. Ein Charakteristikum aller seitdem erschienen Alben waren wechselnde Besetzungen im Studio und auf der Bühne. So wurde „Aqua“ u. a. von Steve Howe und Carl Palmer, sowie dem langjährigen Saxon-Drummer Nigel Glockler  eingespielt. Allerdings versanken „Asia“ mit ihren Alben „Aria“ (1994), „Arena“ (1996), „Archiva Volume 1 & 2“ (1996), „Anthology“ (1997), „Rare“ (1999), „Aura“ (2001) und „Silent Nation“ (2004) kommerziell immer mehr in der Bedeutungslosigkeit, obwohl sie in der Ära Payne sogar künstlerisch gereift und immer progressivere Wege gegangen waren: Payne hatte die stilistische Palette um Spielarten wie Hard Rock, Westcoast, Fusion, Latin, Soul und R´n´B erweitert. Im Lichte dieser frustrierenden Publikumsresonanz ergriff Geoff Downes also nur zu gern die Gelegenheit, als John Wetton ihm 2006 ein nochmaliges Angebot zur Wiedervereinigung in Originalbesetzung machte. Ab hier wurde es für Außenstehende richtig kompliziert, denn was war geschehen? Downes verließ im Grunde die Band „Asia“ und gründete mit Wetton, Howe und Palmer die Band „Asia“ neu. Wieso? John Payne hatte zuvor schon Stück für Stück Rechte am Bandnamen aufgekauft und nach 15 Jahren engagierten Einsatzes konnte man ihm das aus einer moralischen Warte heraus auch kaum abstreiten, andererseits konnte die Originalbesetzung auch mit gutem Recht auf diesen Namen zurückgreifen. Man einigte sich schließlich: John Wetton führte die Originalbesetzung noch bis zu seinem Tod im Januar 2017 unter dem Namen „Asia“ (wobei gelegentlich das Attribut „The Original“ beigefügt wird, wie etwa auf dem offiziellen Internetauftritt), allerdings stieg Howe bereits 2013 wieder aus und der todkranke Wetton wurde in seinen letzten Monaten und nach seinem Tode durch Billy Sherwood ersetzt. Geoff Downes, Sam Coulson, Billy Sherwood und der nicht mehr von der Band überzeugte Carl Palmer – das ist alles andere als die Originalbesetzung.
   John Payne jedoch ist seit 2007 unter dem Terminus „Asia Featuring John Payne“ unterwegs. Noch 2006 hatte er die Band GPS gegründet, die aus der letzten offiziellen „Asia“-Besetzung vor der Reformation minus Downes bestand: Guthrie Govan – John Panye – Jay Schellen. Diese Band brachte im gleichen Jahr unter Mitwirkung des Keyboarders Ryo Okumoto (Spock´s Beard) das Album „Window to the Soul“ heraus, das teilweise Songs enthielt, die für das kommende „Asia“-Album gedacht waren, als Downes noch in der Band weilte. Ab 2007 arbeitete Payne mit dem kalifornischen Keyboarder Erik Norlander, den er 1997 kennengelernt hatte, als „Asia“ auf einem deutschen Prog-Festival in Bruchsal gespielt hatten und Norlander mit seiner Stammband „The Rocket Scientist“ Vorgruppe war, an Songs für das Debütalbum von „Asia Featuring John Payne“, das jedoch lange Zeit auf sich warten ließ. Zwar tourten Paynes „Asia“ fleißig in den USA, jedoch gab es 2009 zunächst nur die schwer zu beziehende EP „Decoding the Lost Symbol – Part of the Architects of Time Project“. Lange Zeit war unklar, ob das ein Nebenprojekt sein sollte, bis dann „Americana“ als Debütalbum angekündigt wurde. Von dem ominösen „Architects of Time Project“ hat man bis heute jedoch nichts mehr gehört. Im Dezember 2012 wurde mit „Seasons Will Change“ die erste Single von „Americana“ als Download und Video veröffentlicht – nur das das Album dann nicht erschien und lange Jahre fast schon totgeschwiegen wurde. John Payne schien mit Showprojekten in Las Vegas wie „The Rock Pack“ beschäftigt, Erik Norlander war 2014 aus „Asia Featuring John Payne“ ausgestiegen und durch Ryo Okumoto ersetzt worden, Jay Schellen hatte 2016 als Tourdrummer zu Yes gewechselt. Im Frühjahr sorgte John Payne für eine kleine Sensation, als er auf seinem privaten Facebook-Profil ein Foto aus seinem Studio veröffentlichte, das laut Kommentar beim Abmischen des „Americana“-Albums entstanden war. Nicht viel später wies „Asia Featuring John Payne“ auf ihrem offiziellen Facebook-Kanal auf die neu formierte Band „Dukes of the Orient“ hin, deren gleichnamiges Debütalbum Ende Februar 2018 erscheinen werde. Am 12. Januar 2018 erschien als erste Single „Strange Days“ als Video/ Download, der dann am 9. Februar das vorab bekannte „Seasons Will Change“ in den gleichen Formaten folgte. Und hier sind wir wieder an unserem Ausgangspunkt, den „Dukes of the Orient“, die also nichts anderes als die alternativen „Asia“ sind – oder sogar die legitimen und originalen, wenn man der Auffassung folgen mag, dass die „Asia“ um John Payne seit 1991 von einem bestimmten Standpunkt aus niemals aufgelöst worden sind, sondern nur unter anderen Namen gewirkt haben. Im Folgenden soll das Album noch besprochen und in den Kontext der bisherigen Veröffentlichungen eingeordnet werden.

© Christoph Alexander Schmidberger, 01.03.2018

Donnerstag, 18. Februar 2016

Montag, 10. August 2015

Mein Weg mit Winnetou - Gedanken zum Tod von Pierre Brice

Winnetou ist tot. Mittlerweile sogar schon öffentlich betrauert und beigesetzt. Eine Nachricht wie der donnernde Klang der Silberbüchse, die ob des gehobenen Alters von 86 Jahren zwar kein ungläubiges Entsetzen auslöst, aber jedenfalls genug stille Wehmut. Dies soll kein Nachruf auf den Schauspieler Pierre Brice sein, so wie er aus diesem traurigen Anlass in großer Zahl durch die Medien geisterte. sondern eine persönliche Betrachtung meines Wegs mit Winnetou, dieses so stillen, sanftmütigen, geheimnisvollen wie für die Gerechtigkeit kämpfenden Indianers, der mehr ein Idealbild als wirklicher Native American ist.

Winnetou begleitet mich nun schon fast mein ganzes Leben lang. Ich konnte gerade so einigermaßen sprechen, als ich in Begleitung meiner Eltern 1986 das erste Mal Segeberger Kalkberg-Luft schnupperte. Damals lief „Halbblut“ in der Inszenierung von Klaus Hagen Latwesen.
Bald darauf ging es mit den legendären Kinofilmen los. Die gab es auf Videokassette, mühevoll aufgezeichnet im Fernsehen durch meinen Vater auf einem für damalige Verhältnisse recht teuren VHS-Rekorder. Und so saß ich dann oft tagelang nachmittags nach dem Kindergarten vor der Glotze und zog mir in endloser Wiederholung Pierre Brice, Lex Barker, Ralf Wolter und Co. rein.


Bad Segeberg 1986 "Halbblut"

Bis 1990 ein erster Höhepunkt folgen sollte: das erste Zusammentreffen mit meinem Idol, der Mutter aller Indianer – Winnetou Pierre Brice. Wieder einmal im Sommerurlaub in Bad Segeberg, diesmal das Stück „Winnetous letzter Kampf“, eine Inszenierung von Winnetou III, mit Pierre Brice, der von 1988 bis 1991 seine Paraderolle in der Kalkberg-Arena gab, nachdem er zuvor schon in den 70er Jahren in Elspe als Winnetou zu sehen gewesen war.
Freilich machte die Inszenierung mächtig Eindruck auf mich. Wenn man kurz vor seinem sechsten Geburtstag steht, fürchtet man sich noch richtig vor dem Bösewicht (damals von gelungen verkörpert von Manfred Reddemann) und geht ganz auf in dem naiven Bühnenzauber eines May-Stückes. Als gegen Ende der Applausordnung Pierre Brice noch einmal an den Zuschauern vorbei ritt, stellten meine Eltern mich auf die Brüstung, von wo ich mich sehnsuchtsvoll meinem Idol entgegenstreckte. Brice ließ sich von mir umarmen – und ich wollte meinen Winnetou gar nicht mehr loslassen. Bis der große Winnetou mir einen unschuldigen Kuss aufdrückte, ganz genauso, wie sich Winnetou und Old Shatterhand in Mays Erzählungen oft begrüßten. Man kann jetzt natürlich spekulieren, inwiefern mich dieses Ereignis für mein bisheriges und jetzt noch folgendes Leben geprägt hat.

Jedenfalls begann ich etwa 1994 mit der Lektüre der Texte in der klassischen grünen Ausgabe der Gesammelten Werke des Karl-May-Verlags, von denen ich bis Ende der 90er Jahre gut 50 Bände verschlungen habe. 1997 gab es einen Familienurlaub in Sachsen, der uns in das Karl-May-Museum in Radebeul und in Karl Mays Geburtshaus in Hohenstein-Ernstthal führte. 1998 bin ich selbst das erste Mal in Sachen Karl May aktiv geworden: für eine Vereinsfeier habe ich das selbstverfasste Stück „Weihnacht im Wilden Westen“ frei nach Figuren Karl Mays auf die Bühne gebracht, zusammen mit meinem Bruder Philipp als Old Wabble und mir als Dicker Jemmy.
1999 kam ich dann im Zuge eines Sommerurlaubs dann endlich wieder nach Bad Segeberg, wo Pierre Brice für die Inszenierung „Halbblut“ die Regie übernommen hatte. Dort traf ich den „Chefindianer“ bei einer Autogrammstunde im Indian Village des Kalkberg-Geländes. Als ich an der Reihe war, kam die Besucherschlange kurzfristig ins Stocken, aber Brice ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen.






Im Übrigen bin ich seit 1999 regelmäßig jedes Jahr in Bad Segeberg, um mir die aktuelle Aufführung anzusehen und mich mit Darstellern sowie Ekkehard Bartsch, Segebergs wandelndem May-Lexikon, auszutauschen. Seit 2002 spielte ich in privaten, d.h. nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Kurzfilmen nach Motiven von Karl May, die ein Freund zum Vergnügen produzierte; später zeichnete ich auch selbst für Drehbuch und Regie in diesen Filmen verantwortlich.
2004 sollte ich mein Idol noch ein drittes und letztes Mal treffen. Anlässlich der Veröffentlichung seiner Autobiografie „Winnetou und ich“ weilte Brice in meiner Heimatstadt Ulm, wo ich mir selbiges Buch bei einer Autogrammstunde meiner Stammbuchhandlung signieren ließ. Damals sah man ihm das Alter schon an, aber die Aura, die diesen Mann umgab, war immer noch von immenser Faszination.




Jahre später, ich hatte an der Universität Augsburg meine akademischen Lehrer allzu oft mit Winnetou und Co. genervt und mich wissenschaftlich mit diesem Thema auseinandergesetzt – u.a. habe ich als lehrbeauftragter Dozent ein literaturwissenschaftliches Proseminar zum Thema Karl May als Medienstar unterrichtet – habe ich mich 2012 mit dem Kurzfilm „Das Silbersee-Projekt“ filmtechnisch unabhängig gemacht. Ich schrieb, inszenierte und spielte zusammen mit einem tollen Laienteam eine May-Hommage, die dann auch jeder im Internet auf Youtube wahrnehmen konnte und kann. Ein weiteres geplantes May-Projekt musste dann aber erstmal auf Eis gelegt werden.




November 2013 wurde ich erfolgreich für die Rolle der Tante Droll gecastet, die ich im letzten Jahr in der Inszenierung „Winnetou und der Schatz im Silbersee“ bei den neu gegründeten Festspielen Burgrieden vors Publikum brachte. Ich hatte ja schon lange den Wunsch gehegt, einmal in Bad Segeberg mitzuwirken und hier bot sich nun die Gelegenheit, an der Seite von Winnetou gegen das Böse zu kämpfen.
Unser Winnetou hieß Alexander Baab, war nur ein Jahr älter als ich, aber ein engagierter und talentierter Schauspieler, der nicht nur dem jungen Pierre Brice äußerlich ein wenig ähnelte, sondern auch mit dem selben Herzblut in diese Rolle schlüpfte, nein, den Winnetou sogar lebte. Es war eine fruchtbare Zusammenarbeit, aus der ich viel mitnehmen konnte. In der vorletzten Szene des Stücks begrüßte mich Winnetou immer mit einem fast nur angedeuteten würdevollen Nicken des Kopfes – selten war ich einem Winnetou näher. Fairerweise muss ich an dieser Stelle nachschieben, dass ich ebenso von meinen vielen anderen Bühnenkollegen lernen oder mich wenigstens mit ihnen austauschen konnte. Darüber zu berichten ist Aufgabe eines anderen Textes.




Pierre Brice mag vielleicht gestorben sein, aber Karl Mays Idee des edlen Apachen-Häuptlings lebt weiter. Auf vielen Freilichtbühnen, bald vielleicht sogar wieder in neuen Verfilmungen. Wie kein anderer hat Brice in der öffentlichen Wahrnehmung diese Figur geprägt, aber immer wieder wird Winnetou von neuen Darstellern zum Leben erweckt und das macht Hoffnung. Über kurz oder lang werde ich mich selbst wieder mit einer neuen Low-Budget-Produktion diesem Mythos annähern und sicher auch zu gegebener Zeit wieder auf einer Freilichtbühne in Sachen Karl May in Aktion sein.

Stunden später beim Spaziergang, Martin Böttchers kongeniale Winnetou-Melodien auf den Ohren, fließen dann endlich die Tränen. Manchmal muss ein Mann auch weinen dürfen.

Gewidmet 
Pierre Brice (1929-2015, der unvergessen bleiben wird)
 Alexander Baab (der hoffentlich noch lange leben und spielen wird) 
 Winnetou (der immer leben wird)

Dienstag, 7. April 2015

Rezension Saga, Sagacity (earMUSIC Juli 2014)

Nur 2 Jahre nach dem erfolgreichen Album "20/20", mit dem Michael Sadler als Sänger zurückgekehrt war, liefern Saga frischen Nachschub. Im Unterschied zum Vorgänger ist diesmal Neuzugang Mike Thorne am Schlagzeug zu hören, der vor zwei Jahren für Brian Doerner übernommen hatte und sich mittlerweile bestens in die band eingefunden hat. Hoffentlich bleibt er der Band noch lange erhalten. Neu ist auch, dass Michael Sadler diesmal von Anfang an wieder voll in das Songwriting integriert ist. Bei "20/20" konnte er ja nur noch Gesangsspuren für so gut wie fertige Songs einsingen.

1) Let It Slide: mysteriöse und verträumte Keyboard- und Gitarrenklänge leiten ein rythmisches Stück mit vetracktem Refrain und pulsierender Bassline ein. So funky waren Saga schon lange nicht mehr. Erinnert an "Steamroller" und könnte glatt ein Outtake des "Steel Umbrellas"-Album sein.

2) Vital Signs: beginnt ruhig, bleibt im Midtempo und ist mit einem sehr eingängigen Refrain ausgestattet. Die Gitarre rifft schwer, die Keys und Sadlers Gesang zaubern eine für die späten Achtziger "verregnete" Atmosphäre wie in etwa auf dem "Beginner's Guide"-Album.

3) It Doesn't Matter (Who You Are): geht ähnlich verträumt und eingängig im Midtempo-Bereich weiter. Diesmal Jim Gilmour am Gesang und ein langsames, aber verrücktes Gitarrensolo von Ian.

4) Go With The Flow: eine entspannte Akustikgitarre leitet den vielleicht sommerlichsten Saga-Song überhaupt ein. Das Tempo steigert sich langsam, es kommt die typische E-Gitarre hinzu, der Refrain ist hymnisch und eingängig. Im Mittelteil finden sich die beliebten Gitarren- und Keyboardspielereien. Die sommerliche Atmosphäre wird kombiniert mit Arena-Rock, wie er für das "Security of Illusion"-Album typisch war.

5) Press 9: sehr experimentelle Ballade. Klingt nach Musical oder nostalgischem Radiojingle. Wird mit humorvollem Text von Jim Gilmour vorgetragen. Der an das Generation 13"-Album von 1995 erinnernde Song funktioniert vielleicht weniger als eigenständiger Track denn vielmehr als Überleitung zum folgenden Titel:

6) Wake Up: einer der kürzesten Saga-Songs überhaupt. rythmisch und pulsierend mit sägender E-Gitarre, eine Mischung aus Alternative Rock und Electro ohne echten Refrain - bis auf das geshoutete "Wake up!". Klingt wie ein verschollener Song des von Fans geschmähten "Pleasure and the Pain"-Albums von 1997. Zusammen mit "Press 9" wird hier der für die Band sicherlich experimentellsten Phase in den 1990er Jahren gehuldigt.

7) Don't Forget To Breath: ein markantes Riff von der E-Gitarre eröffnet einen Midtempo-Stampfer, der noch am ehesten die musikalische Linie des Vorgängers "20/20" einschlägt.

8) The Further You Go: Die Ballade des Albums. An sich ganz klassisch Saga wie etwa auf der "Security of Illusion" oder "Wildest Dreams", mit Leadgesang von Michael Sadler in den Strophen, getragenen Keyboardteppichen und einer rythmischen Synthiespielerei im Hintergrund, aber diesmal mit einem experimentellen von Jim Gilmour gesungenen Refrain versehen.

9) On My Way: Ähnlich getragene Synthieflächen leiten einen nachdenklichen und eingängigen Song im Midtempo ein, bei dem Sadler wieder die Strophen singt, Gilmour den Refrain. Im Mittelteil wieder klassische und hymnische Gitarren-Keys-Duelle, die der nachdenklichen Stimmung eine versöhnliche und tröstende Auflösung verleihen. Erinnert an die Songs des "Gilmour-Negus-Project" von 1989

10) No Two Sides: ein von Michael Sadler gesungener Midtemposong mit sägenden Gitarren und einfachem aber genialem Keyboardpattern im Hintergrund, der stimmungstechnisch irgendwo zwischen "Heads or Tales" und "Beginner's Guide" anzusiedeln ist.

11) Luck: Beginnt rythmisch mit E-drums, Synthiefanfaren und sägender E-Gitarre wie zu seligen "Wildest Dreams"-Zeiten (1987. Michael sadler croont sich durch die ruhigen Strophen, Gilmour kommt in der Bridge dazu, der Refrain ist dann richtig knackig. Mehr 80er geht nicht. Hätte auch als Soundtrack für eine spätere Folge Miami Vice laufen können.

12) I'll be: Akustikgitarren leiten den letzten Song des Albums ein, der als Halbballade daherkommt. Geheimnisvolle Keys in den Strophen, leidenschaftlicher Gesang von Sadler, ein kraftvoller von E-Gitarre unterlegter Refrain. Schön: ein Glockenspiel als Outro schafft dann trotz des Flairs von "Wildest Dreams" wieder geistige Verwandtschaft zum "Security of Illusion-Album".

Fazit: Dank Sadlers Beteiligung geht es einerseits wieder mit viel Pop zur Sache, andererseits kommt der futuristische Progfaktor auch nicht zu kurz. Das Album ist dabei eine Huldigung an die Phase Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre, als Saga für kraftvollen Arena-Rock mit der gewissen Note stand.

Montag, 6. April 2015

Rezension zu Brian Wilson, „No Pier Pressure“ (Capitol Records, 2015)

Im April 2015 hat der kalifornische Musiker Brian Wilson (72) mit „No Pier Pressure“ sein neustes Soloalbum veröffentlicht, das laut Aussage des Künstlers eigentlich als neues  Album mit den Beach Boys gedacht war. Durch neu ausgebrochene Streitigkeiten im Verlauf der Welttour zum 50-jährigen Jubiläum, die eine Zusammenarbeit scheinbar unmöglich gemacht haben, hat Brian nun den legitimen Nachfolger zu „That´s Why God Made The Radio“ (2012) allein veröffentlicht. Dem Album, für dessen Texte und Co-Produktion Brians langjähriger musikalischer Partner Joe Thomas verantwortlich zeichnet, hört man es bis auf wenige Ausnahmen an, dass es ursprünglich als Bandalbum unter Beteiligung von auch Mike Love und Bruce Johnston gedacht war. Immerhin singen und musizieren darauf bis auf die beiden letztgenannten und Drummer Ricky Fataar sämtliche noch lebende Beach Boys wie Al Jardine, Blondie Chaplin und David Marks sowie die heimlichen Beach Boys Jeffrey Foskett, der schon lange Zeit in der Touring-Band für den Falsettgesang und die Gitarre zuständig ist, sowie Matt Jardine, Al Jardines Sohn, der auch seit über 20 Jahren als musikalischer Gast der Beach Boys zu hören ist.
Unterstützt werden die genannten Beach Boys von einigen angesagten Gastsängern, die alle bereits einen Namen in der zeitgenössischen Popmusik haben: Sebu Simonian von Capital Cities (auch an den Keyboards), Zooey Deschanel von She & Him, Kacey Musgraves, Peter Hollens und Nate Rues von Fun. Die Gesangsbeiträge der Gäste klingen dabei gerne auch mal so, als ob sie die fehlenden Stimmen von Mike Love und Bruce Johnston ersetzten sollten. Instrumentale Beiträge gibt es von Startrompeter Mark Isham, Gitarrist M. Ward (ebenfalls von She & Him), gefragten Sessionschlagzeugern wie Jim Keltner, Vinnie Colaiuta oder Kenny Aronoff, dem Bassisten und Produzenten Don Was sowie vielen weiteren Musikern aus Brians angestammter Begleitband. Die Instrumentierung und Produktion ist wie nicht anders zu erwarten von höchster Professionalität; ein Grammy-Preisträger, der in seiner bereits 54-jährigen Karriere millionenfache Albumverkäufe erreicht hat, wird bei seiner Musik eben niemals kleckern, sondern klotzen wie kein anderer.
Das Cover des Albums ziert diesmal keine an die 70er Jahre angelehnte Grafik, sondern eine etwas düster gehaltene Fotographie von der Unterseite eines Piers, dessen von Muscheln bedeckte Pfosten von der Meeresbrandung umspült werden und die im Hintergrund Tageslicht durchscheinen lassen wie einen Schimmer Hoffnung. Der Titel „No Pier Pressure“ kann sicherlich als intelligentes Wortspiel mit „No Peer Pressure“, also zu deutsch, „kein Gruppenzwang“, verstanden werden. Brian Wilson spielt damit vermutlich zum einen an die vielen Gastsänger an, zum anderen thematisiert er damit wohl auch ein Problem, dass jeder ältere Musiker kennt: beuge ich mich dem modernen Zeitgeist, um erfolgreich zu sein oder bewahre ich ganz meine Identität und gehe dabei vielleicht genauso hilflos unter.
Im Folgenden versuche ich, jeden einzelnen Titel des Albums kurz zu analysieren und zwar nach folgenden Gesichtspunkten: Instrumentierung, Gesang, Text und Einordnung ins Gesamtwerk.   

1) This Beautiful Day: ein kurzer Opener mit reduzierter Instrumentierung: Klavier, Violine und Trompete. Brian singt entspannt mit typischen Beach Boys Harmonien im Hintergrund, bevor das ganze mit einer sakral wirkenden Orgel ausklingt. Klingt wie eine Mischung aus aus „Our Prayer“ und „Meant for you“. Jedenfalls ein würdevoller Einstieg ins Album, ähnlich wie beim letzten Album der Beach Boys.

2) Runaway Dancer (feat. Sebu): ein Saxophon leitet eine von zeitgenössischen Beats dominierte Tanznummer ein, für die Gast Sebu Simonian von Capital Cities die Leadvocals liefert. Natürlich dürfen auch hier die so beliebten Harmonien nicht fehlen. Trotz vermeintlich moderner Produktion ist dies kein Stilbruch in Brians Werk, denn schon Ende der 70er jahre hat er mit den Beach Boys Disconummern wie „She´s got rhythm“ oder „Mona“ aufgenommen.

3) Whatever Happened (feat. Al Jardine and David Marks): auf der ersten Ballade des Albums über Veränderungen im Leben singt Brian Wilson die Strophen, Beach Boy Al Jardine den Refrain und Backgroundvocals, Beach Boy David Marks spielt eine entspannte Surf-Gitarre. Die dezenten Streichereinlagen lassen die Nummer wie ein Outtake vom „L.A. –Album“ der Beach Boys klingen. Späte 70er lassen grüße!

4) On The Island (feat. She & Him): mit diesem ruhigen Bossa Nova huldigt Brian den späten 60ern. Zooey Deschanel von She & Him singt mit jazziger Stimme die Strophen, Brian antwortet im Chorus. M. Ward (ebenfalls von She & Him) zupft gemütlich die Gitarre. Dieses so kurze wie relaxte Stück Loungemusik könnte genauso gut vom Album „Friends“ (1968) stammen, wo es eine gelungene Ergänzung zu den gleichartigen Nummern „When a Man loves a Woman“ oder „Busy Doin´ Nothin´“ wäre.

05) Half Moon Bay: dieses Instrumental mit dezenten Gesangsharmonien greift die verträumte Urlaubsstimmung des vorhergehenden Liedes auf. Im Mittelpunkt steht die  Trompete von Mark Isham, der hier besten Smooth Jazz bietet. Geheimnisvolle aber sanfte Perkussionsinstrumente und ruhige Streicher lassen auch hier an ein Überbleibsel vom Album „Friends“ denken, wo es mit „Diamond Head“ schon ein ähnlich gelagertes Instrumental gab.

06) Our Special Love (feat. Peter Hollens): beginnt als reine Acapella-Nummer mit engelsgleichen Harmonien, bevor Gast Peter Hollens  mit viel Schmelz in der Stimme sich den Leadgesang mit Brian teilt. Im Kontrast dazu stehen die treibenden Drums.

07) The Right Time (feat. Al Jardine and David Marks): nach einem Orgel-Intro setzt der Leadgesang von Al Jardine ein, der in diesem beschwingten Stück im Refrain von Brian unterstützt wird, während David Marks wieder die elektrische Gitarre bedient. Die als Vorabsingle bekannte Nummer könnte auch wieder aus den 70ern stammen.

08) Guess You Had To Be There (feat. Kacey Musgraves): dieses fröhliche Mitsinglied verwöhnt uns mit toll produzierten, kristallklaren Vocals von Country-Sternchen Kacey Musgraves. Brian singt dazu unterstützt vom üblichen Harmoniegesang den Refrain. Durch Banjo und ein wenig Slidegitarre gemahnt das an die Beach Boys 1969 bis 1976, wie etwa in „Cottonfields“, „Susie Cincinatti“ oder „Back Home“, auch wenn im Schlussteil noch eine verzerrte E-Gitarre für den weiteren Pepp sorgt. 

---- die folgenden drei Titel sind nur auf der Deluxe Edition des Albums enthalten---

09) Don´t Worry: discomäßige Streicher leiten den nächsten Song zum Abtanzen ein. Hier gibt es nur Gesang von Brian pur, mit Harmoniebegleitung und einem funky Bläsersatz. Hätte eine gute Ergänzung zur Discoversion von „Here Comes The Night“ auf dem Album „L.A.“ abgegeben.

10) Somewhere Quiet: ist eine ruhige Ballade, in der wieder nur Brians Gesang im Vordergrund steht, allerdings diesmal mit Al Jardine oder Matt Jardine deutlich im Hintergrund. Wie ein anderer Rezensent bereits angemerkt hat, scheint es sich hier um eine Überarbeitung des Beach-Boys-Instrumentals „Summer Means New Love“ vom Album „Summer Days (And Summer Nights!!) (1965) zu handeln. Von der ganzen Instrumentierung her passt es auch gut in diese Zeit. Offiziell bestätigt ist das nicht, aber die Ähnlichkeit ist schon frappierend und Brian ist ja dafür bekannt, Lieder immer wieder zu überarbeiten.  

11) I´m Feeling Sad: könnte auch wieder aus Mitte der 60er Jahre stammen. Brian singt begleitet von Akustikgitarre, Akkordeon und Harmoniegesang über einen traurigen Samstag in der Stadt. Keine Ballade, aber entspanntes Midtempo.

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12) Tell Me Why (feat. Al Jardine): beginnt mit Brians Leadgesang wie ein trauriger Song von der legendären „Pet Sounds“ (1966) mit kammerartigen Streichern, Orgel, Trompete (lasse mich da gerne korrigieren) und dezenter Perkussion. Wenn aber Al Jardine den kraftvollen Refrain unterstützt von Harmoniegesang und schlagerartigen Bläsern übernimmt, haben wir wieder eine tolle Powerballade ganz im Stil der 70er Jahre. Definitiv ein Highlight des Albums!

13) Sail Away (feat. Blondie Chaplin and Al Jardine): ein Blasinstrument brummt wie ein Schiffshorn, dann eine die bei Sonnenlicht funkelnde Meeresoberfläche imitierende Instrumentierung wie bei „Sloop John B.“, bevor Stargast und Beach Boy Blondie Chaplin die erste Strophe singt. Dann singt Al Jardine den eingängigen Refrain, bevor Brian die zweite Strophe übernimmt. Klingt wie eine Kreuzung aus dem schon erwähnten „Sloop John B.“ und „Sail On, Sailor“ von 1973 mit einem sehnsuchtsvollen Text voller Seefahrerromantik, der auch auf einem Album wie „Still Cruisin´“ (1989) oder „Summer In Paradise“ nicht verkehrt geklungen hätte.

14) One Kind Of Love: ein Flügelhorn leitet nicht „God Only Knows“ ein, aber eine Ballade wie von „Pet Sounds“ ein, die Brian wieder ganz in den Mittelpunkt stellt. Im Refrain klingt auch dieses Stück dann wieder etwas mehr nach den 70ern.

15) Saturday Night (feat. Nate Ruess): ist die zweite Folkrock-Nummer des Albums. Stargast Nate Ruess von Fun singt hier durchgängig die Leadstimme, während Brian nur in der Bridge und im Hintergrund zu hören ist. Die lässigen Harmonien, die zusammen mit den dezenten Keyboards wie eine kühle Brise daherkommen, lassen den unbekümmerten Song wie besten Westcoast-Sound aus den frühen 70ern klingen. Im Übrigen hat Nate Ruess eine poppige Stimme wie einst bei den Hollies.

16) The Last Song: beschließt als letzter Song die Standard Edition des Albums, aber hoffentlich nicht Brians Karriere oder die der Beach Boys. Ein verträumtes Piano, melancholische Streicher und ein lamentierender Brian, der sich Gedanken über das Ende seiner Karriere, das Ende der Zusammenarbeit mit den Beach Boys und das nahende Ende seines Lebens macht. Im Refrain singt der Chor ein „La La La“ wie bei „San Miguel“ (1969) und der Song steigert sich zum Ende hin in seiner Intensität. Der Text macht nachdenklich, immerhin muss man nun rein aus Alters- und Gesundheitsgründen ständig mit dem Ende der Beach Boys  rechnen, da ja bis auf David Marks, Blondie Chaplin und Ricky Fataar alle die 70 längs hinter sich gelassen haben. Andererseits hat Brian Wilson zwar in Interviews zwar schon vom möglichen Ende seiner Karriere gesprochen, andererseits hat er  auch durchblicken lassen, dass er beispielsweise gerne noch ein Rock´n´Roll Album aufnehmen würde als Tribute an Chuck Berry, Little Richard und co. Außerdem gehen Gerüchte um, dass Mike Love und Bruce Johnston alleine ein Beach Boys Album auf die Beine stellen wollen. Zu guter Letzt wissen die Fans ja, dass in den Archiven immer noch einige Perlen darauf warten, offiziell veröffentlicht zu werden.

--- die folgenden zwei Stücke sind als vom Hauptalbum abgesonderte Bonus Tracks gekennzeichnet und nur auf der Deluxe Edition zu finden ---

15) In The Back Of My Mind: ist, wenn man dem Artikel in der englischsprachigen Wikipedia glauben darf, eine 1975 entstandene Demofassung des bereits 1965 auf „Today“ veröffentlichen Songs. Hier hören wir nur Brian am Piano.

16) Love And Mercy: ist eine neue Version des Songs, der schon 1988 auf Brians erstem Soloalbum veröffentlicht wurde. Hier hören wir auch hauptsächlich Brian am Piano mit Hintergrundgesang durch einen kleinen Chor. Über das Aufnahmedatum scheint nichts bekannt zu sein, vielleicht ist es ja ein Outtake von „No Pier Pressure“.

Fazit: „No Pier Pressure“ klingt wahrlich wie ein neues Album der Beach Boys im Jahre 2015 klingen würde. Als Referenz dazu mag man sich ja nur einmal das oben erwähnte „That´s Why God Made The Radio“ von 2012 anhören. Auch wenn Brian durch seine noch jungen Kinder dazu inspiriert wurde, mal etwas Zeitgemäßes, sozusagen „trendiges“ aufzunehmen, fügt sich die Musik nahtlos in sein Gesamtwerk ein. Man hört hier kaum einen Sound, den es nicht schon einmal auf einem früheren Album der Beach Boys oder einem Soloalbum von Brian gegeben hätte. Andererseits bieten die jungen Gastsänger ausreichendes Identifikationspotenzial, um auch bei einem jüngeren Publikum (sagen wir die Generation U-40) Gehör zu finden. Brian Wilson dürfte da sicher auch davon profitieren, dass momentan alle möglichen Retrosounds in der Musikszene angesagt sind, egal ob das nun Folk, Soul oder Pop der 80er Jahre sind. Der kreative Kopf der Beach Boys scheint auf seinem neuesten Streich gar selber eine Werkschau über die Zeit Mitte der 1960er Jahre bis in die frühen Achtzigerjahre gemacht zu haben. Im Gegensatz zu seinem letzten „echten“ Soloalbum „That Lucky Old Sun“ von 2008, das versucht hat, die 60er Jahre wiederauferstehen zu lassen, lässt er sich auf „No Pier Pressure“ munter durch den Strom der Zeit treiben und vermischt in den neuen Liedern oft unterschiedliche Einflüsse. Das klingt dann runder und weniger gekünstelt, als in einer bestimmten Epoche verhaftet zu bleiben.
Durch die Mitwirkung von Al Jardine, der erfreulicherweise stimmlich nicht nur auf den Liedern auftaucht, die ihn ausdrücklich als Gastsänger nennen, fällt es wirklich schwer, dieses Album als ein Soloalbum zu betrachten; Jardine sorgt dann auch für die gewissen Gänsehautmomente bei den Fans. Im Übrigen sind auch alle älteren Sänger (vermutlich auch mithilfe von Autotune und ähnlichen Studiotricksereien) gut bei Stimme und die jungen Gastsänger fügen sich nahtlos in den Reigen ein. Der mehrstimmige begleitende Harmoniegesang ist ganz im Stil der Beach Boys gehalten.  
Es fällt schwer, etwas auf diesem Album zu kritisieren. Vielleicht mag das nicht ganz so starke „One Kind Of Love“ zwischen dem vorhergehenden und dem nachfolgenden Song etwas untergehen, vielleicht sind die Texte manchmal etwas zu melancholisch und vielleicht ist „Runaway Dancer“ etwas zu modern produziert. Aber genau das macht die Musik der Beach Boys doch schon seit jeher aus, dass Genie und Wahnsinn, Kunst und Kommerz, künstlerische Klasse und Trivialität, Tiefgang und Beliebigkeit Hand in Hand gehen.
Jedenfalls sind die Songs durchgängig "catchy" und von Wiedererkennungswert. Auch ist es wie bei jedem Album aus dem Umfeld der Beach Boys eine Freude, die vielen verschiedenen Stimmen im Hintergrund sowie die bunte Palette an Instrumenten zu entdecken, die dank der warmen wie differenzierten Produktion besonders gut zur Geltung kommen.Eine Kaufempfehlung für alle Fans der Beach Boys oder den Liebhaber anspruchsvoller Popmusik mit hohem Nostalgiefaktor. Bleibt nur zu hoffen, dass es mit dem kalifonischen Mythos noch eine Weile weitergeht!


Christoph Alexander Schmidberger